Im Interview: Yardena Sierra - Demenz Expertin

19.02.2019

DEMENZ - still und lautlos - Yardena Sierra schafft Ziele und Hilfe, damit ein Leben auch mit Demenz ein gutes Leben bleibt. Fragen zum Thema DEMENZ "still und lautlos". Wie gehen Angehörige und Betroffene damit um und was kann man tun?

Frau Sierra, Sie gelten als Expertin in der Demenzberatung. Beschreiben Sie doch bitte kurz zunächst Ihren eigenen Werdegang...

"Sie werden sich wundern, jedoch begann meine "Expertise" bereits im Alter von sieben Jahren. Damals durfte ich meine Mutter jeden Mittwochnachmittag an ihrem Arbeitsort besuchen. Sie arbeitete in einer integrativen Abteilung eines Pflegezentrums, in welcher u.a. Menschen mit einer Demenzform betreut werden und wohnen. Interessanterweise konnte ich mich - besonders mit den Menschen, die an einer Demenzform erkrankt
waren - sehr gut auseinandersetzen. Die Nachmittage erlebte ich immer wieder als sehr angenehm, humorvoll und lebendig. Ich sah die Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder lachen, was ich als sehr bewundernswert empfand. Als ich nach dem Akut-Praktikum, für meine Abschlussprüfung als Pflegefachfrau HF in die Langzeitpflege auf eine spezialisierte Wohngruppe für Menschen mit Demenz eingeteilt wurde, war mir zuerst etwas mulmig. Ich hatte damals noch keine praktischen Erfahrungen mit dieser Thematik. Ich fragte mich daher, ob ich dem gewachsen sei? Schnell konnte ich jedoch feststellen, dass ich dort genau am richtigen Platz war und diese Menschen noch sehr viele Fähigkeiten besitzen. Ich war stets neugierig, mehr über die verschiedenen Weiterbildungsmöglichkeiten zu Schwerpunkten "Bildung von Lernenden für spezialisierte Wohngruppen", Beratungen von Angehörigen, Teamleitung mit eidg. FA, "DAS - Lebensqualität Demenz", Resilienz, usw. in Erfahrung zu bringen."

Es heisst, dass die Angehörigen den Krankheitsverlauf oft schlimmer empfinden, als es die Betroffenen selber tun. Ist dies so?

"Ja das ist sehr oft so, was auch berechtigt ist. Stellen Sie sich vor, ein Elternteil oder Ehepartner verhält sich plötzlich ganz anders, als man es sich von ihm gewohnt ist. Herausforderndes Verhalten kann den Umgang im Alltag prägen: sein Verhalten ist anders. Erfreulicherweise kann ich immer wieder beob-achten, dass die Familie und das soziale Umfeld nur das Beste für die Betroffen wollen. Das Unwissen führt schnell zu einer ungewollten
Hilflosigkeit und Überforderung. Oft fühlen sie sich mit der ganzen Situation alleine, da das Verständnis aus dem sozialen Umfeld nicht immer vorhanden ist. Es wird plötzlich nicht darüber gesprochen."

Demenz ist ein sehr sensibles Thema und die betroffenen Angehörigen sind oft sehr hilflos. Wo sehen Sie hier Ihre Aufgabe und wie lautet Ihr Rat an alle Betroffenen?

"Als erstes ist es wichtig, dass ich die IST-Situation der Angehörigen wahrnehmen kann. Ich begegne ihnen mit viel Respekt und Empathie. In meinen Beratungen sollen die Angehörigen die Möglichkeit erhalten, über ihre Ängste, Hilflosigkeit, Wut und Trauer aber auch über lustige Momente im Alltag sprechen zu können. Ein offenes Ohr ist hier zentral. Meine Demenzhilfe besteht u.a. darin, sie zu motivieren: Sie sollen lernen, die durch Demenz erkrankte Person so anzunehmen, wie sie ist. Denn je mehr Gegendruck ausgeübt wird, desto häufiger erleben sie Widerstand.

Es ist mir ganz bewusst, dass es sehr viel Verständnis und Akzeptanz braucht - und genau während diesem Prozess werden die Angehörigen von mir feinfühlig begleitet. Die Angehörigen lernen, wie sie mit herausforderndem Verhalten umgehen können, wie sie den Alltag mit den Betroffenen mit viel Herz in eine positive Richtung gestalten können. Es ist höchst bewundernswert, wie die Angehörigen den Umgang mit ganz viel Hingabe und Mitgefühl erlernen. Deshalb sollen sie nicht in Vergessenheit geraten: Sie leisten aussergewöhnliche Arbeit und sind sehr oft 24h mit der Pflege und der Betreuung der Betroffenen beschäftigt und ausgelastet. Und genau hier ist mein Ansatz, die Angehörigen mit ins Boot zu nehmen.

Wenn Sie auf die vielen Jahre Ihrer beruflichen Tätigkeit zurückblicken: was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?

"Das ist für mich ganz einfach zu beantworten: Menschen mit einer Demenzform sind äusserst lernfähig und besitzen noch so viele Fähigkeiten, welche man einfach bewusst wahrnehmen und zulassen soll. Dem begegne ich mit grosser Freude und Dankbarkeit. Wenn die Angehörigen zudem
mithilfe von neuen Ansätzen positive Blickwinkel in der Betreuung ihren Liebsten entdecken können, begeistert mich dies immer wieder aufs Neue. Deshalb bin mit viel Herz und Leidenschaft dabei."

Kontakt

Yardena Sierra Martin

Tel: +41 (0)76 675 22 52

beratung@inmente.ch